Das eigene Wolllager

Achtung - man könnte meinen Artikel als Werbung auffassen. 
Alle gezeigten Bilder sind mein Eigentum, alle Materialien sind selbst erworben. Niemand hat mich beauftragt diesen Artikel zu schreiben. 
Fasergroßprojekte nehmen viel Platz ein.

Lese gerade das neue Buch von Clara Parkes "A stash of one's own" und es begeistert mich in einer Art und Weise, das ich es nicht lassen kann einen Blogbeitrag zu schreiben:

In Claras Buch schildern bekannte Persönlichkeiten der internationalen Handarbeitszene ihren Umgang mit ihrem Wollvorräten und wie es dazu kam. Dabei entwickeln sich ganze Lebensgeschichten, jede Geschichte ist einzigartig und vielschichtig, manche lustig, manche traurig, manche sachlich und alle sehr interessant.


Bunte Vielfalt.

Hatte Tränen in den Augen als ich Amy Herzogs und Franklin Habits Geschichten las und bei Clara Parkes und Stephanie Pearl-McPhee heftig gelacht. Die tollste Geschichte las ich bei Jilian Moreno - wir müssen Schwestern sein. Ihre Geschichte deckt sich in so vielen Punkten mit der meinen das ich abwechselnd nicken, lachen oder weinen musste. Unglaublich!

Schön wars, mal etwas über konventionelle Schönheit zu lesen, auch hier mir schier aus dem Herzen geschrieben von Lilith Green. Ich hoffe man übersetzt das Buch ins Deutsche!
Bin begeistert und erleichtert - ich bin ganz normal!
Eine ganz normale Frau die einen Stash hat.

Stash (engl.) =  Bunkern, verstecken, beiseite schaffen, Vorrat

Nicht gerade schmeichelhafte Begriffe für ein im Stillen gepflegtes Hobby. Hobby!? Halloooo??? Wolle jeglicher Art zu lagern ein Hobby? Oder gar eine Kunst?! Jetzt hat sie den Oberknall! Oder?! Tja meine Lieben, schauen wir der Wahrheit ins Auge:
Ich habe Wollvorräte, viele Wollvorräte - eventuell mehr als ich je im Leben verarbeiten kann. Macht mir das etwas aus? Manchmal, aber es ist Teil meines Lebens. Wäre da nicht die Begrenztheit unserer Mietwohnung wäre es sicher mehr, was ich wundervoll fände. Stellt Euch mal eine Garn-/Faserbibliothek vor... Ja ich spinne! Ihr wisst das schon längst.


Reine Seide handgefärbt.

Zum Spinnen benötigt man Fasern, die benötigen Platz, viel Platz, sie sind ja noch nicht zu kompaktem Garn versponnen. Vliese, Batts, Rolags, Kammzüge, Sheets, Caps, ... Farben, Strukturen, fühlen, riechen (jawohl), erinnern und schwelgen das ist die eine Seite, erforschen, testen, neugierig sein die andere. All das bietet mir mein Stash. Ich werde niemals alles verspinnen und es stört mich nicht im Geringsten. Es ist Motor für meine Kreativität, ein sicherer Hafen, "My happy place". Also warum nicht?

Als Gestalterin geht es mir nicht in erster Linie darum etwas zu Ende zu führen, sondern zu lernen, zu spüren, zu erfahren, zu planen, zu genießen und zu formen. Aber nicht immer bis zum (bitteren) Ende, sondern so lange wie der kreative Prozess eben dauert.

Manchmal Tage, manchmal Monate, manchmal  Jahre. Es gibt Momente, da bin ich regelrecht unglücklich das das Projekt beendet ist. Manchmal wird Eines auch nie fertig und muss mich verlassen, aber das ist die Ausnahme und schon eine andere Geschichte. Selbstverständlich fertige ich auch Projekte mit vorgegebenen Mustern, Ravelry ist eine große Verführerin. Am kostbarsten sind mir aber die die ich selbst von "Null" an gefertigt habe.


Die Farbtiefe dieses Garns hat mich so begeistert das es mit heim musste.

Als Handspinnerin fertiges Garn kaufen? Aber natürlich! Es gibt so viele schöne, inspirierende Handwerker und Künstler in der Welt, warum sollte ich ignorieren was sie Schönes schaffen? Warum sollte ich ein funktionales Industriegarn ignorieren, wenn es genau in diesem Augenblick für eine Projektidee oder einfach ein gutes Gefühl (z.B. ein Andenken) sorgt? Es gibt einen ganzen Handelszweig der sich nur mit Andenken beschäftigt, warum also nicht ein nützliches Andenken haben? Allerdings kaufe ich konventionelles Industriegarn immer seltener für meinen Stash, es ist ja ständig verfügbar.


Strukturen wie es sie nur bei handgesponnenem Garn gibt, lebendig und einzigartig.

Die meisten Garne/Fasern kaufe ich nicht mit einem konkreten Projekt im Hinterkopf, sondern weil sie mich inspirieren, weil sie eine Seite in mir zum klingen bringen, mich an schöne Erlebnisse erinnern, eine tolle Struktur haben. Sagt mal einem Künstler, er solle nur noch eine Farbe oder einen Pinsel verwenden und er solle doch bitteschön planen wie viele Millliter Farbe es dann genau für dieses eine Projekt werden. Protest wäre Euch sicher - Na klar!


Dieses Industriegarn kam mit heim weil es ganz toll gezwirnt ist, einen wunderschönen Glanz hat und zugleich superweich ist. Färben wäre auch möglich...

Manchmal stellt sich ein schlechtes Gewissen ein, über die Jahre hat sich einiges angesammelt und nimmt Platz ein. Platz der eigentlich Lebensraum für meinen Mann und mich darstellt. Der liebste aller Ehemänner hat aber beschlossen ich solle glücklich sein (Juhu). Trotzdem nehme ich mir einmal im Jahr Zeit und schaue meinen Stash an. Garne/Fasern die ich noch immer innig liebe bleiben, alles andere geht. War dieses Jahr nicht viel ehrlich gesagt. Manche Fasern die zu lange gelagert wurden wandern über den Kardierer und werden wieder schön - andere Kissenfüllungen oder Füllungen für Stofftiere.

Ich bin Netti, ich arbeite mit Fasern, mit Garnen, mit Strukturen, mit Farben und Fingerspitzengefühl,
ich habe einen Stash - liebe und werde geliebt- ich bin glücklich!

PS: Die Rechtsschreibhilfe ist auch manchmal süß - Statt Kardierer schlägt sie Märtyrer vor. Na dann...


Kommentare

  1. Oh man, jetzt hast Du mich neugierig gemacht! Es gibt das Buch auch als englisches Hörbuch bei Audible, ich glaube, da werde ich mein nächstes Guthaben da investieren.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen